Auf den Spuren von Hans Zimmer

Portrait: Hans Zimmer
Bildquelle: 
Bäckstage.ch / © Jasmin Honegger

Auf der Leinwand sehen wir Leonardo DiCaprio, wie er nach einer langen Odyssee nach Amerika zurückkehrt. Im Hintergrund hören wir ein leises und langsames Orchester, vor allem Violinen und ein Klavier. DiCaprio kommt nach Hause und schliesst seine beiden Kinder in die Arme. Die Musik wird schneller, es werden weitere Instrumente hinzugefügt, um die ganze Wucht und Emotionalität der Szene zu unterstreichen. Man taucht ein in diese musikalische Umgebung, spürt eine nie dagewesene Gänsehaut am ganzen Körper. Das ist «Inception». Das ist episch. Das ist Musik von Hans Zimmer. 

 

 Hans Zimmer (Mitte) zwischen Karl Spoerri (links) und Nadja Schildknecht (rechts), den beiden Direktoren des ZFF

 

Es ist schwer mit Worten zu beschreiben, was Musik und vor allem die Werke von Hans Zimmer in einem auslösen. Bei lustigen oder komischen Szenen müssen wir lachen, in spannungsreichen oder gruseligen Momenten sitzen wir auf der Kante unseres Stuhls. Wenn etwas Trauriges geschieht, kullern Tränen über die Wange. Bei dramatischen Wendungen und epischen Höhepunkten bekommen wir Gänsehaut. 

 

Musik trägt einen Film. 

 

Filmmusik ist nicht zu unterschätzen. Was wäre ein Film ohne Musik? Stellt euch «Gladiator», «The Dark Knight Rises» oder «Driving Miss Daisy» mal ohne die musikalische Untermalung vor. Unmöglich! Ohne Musik wäre Batman in den End Credits plötzlich wieder da gewesen, ohne dass wir dies mit einer Gefühlsregung wahrgenommen hätten. Das Lied «Rise» jedoch erzeugt ein Gefühl von Trauer, gefolgt von Spannung, und endet schliesslich in einem monumentalen Höhepunkt. 

 

Filmmusik ist jedoch nicht zu verallgemeinern. Es gibt Filme, die auf einen musikalischen Mix aus den aktuellen Charts setzen, um vor allem den Zeitgeist zu treffen und ein gewisses junges Zielpublikum anzuziehen. Und dann gibt es Filme, die vielleicht nicht von Beginn weg Mainstream sind, aber dafür für etwas Grosses stehen. Und die Musik für etwas Grosses wird in glücklichen Fällen von Hans Zimmer komponiert.  

 

 Geduldig stellt sich Zimmer der Presse am grünen Teppich in Zürich. 

 

Die Musik ist nicht nur Beigemüse zu einem Film. Sie trägt ihn, macht ihn zu dem, was er ist. «Musik ist die Seele des Films», sagte Hans Zimmer einmal treffend. Emotionen werden durch Musik geschaffen. Es hat lange gedauert, bis dieses Denken im allgemeinen Verständnis angekommen ist. Und nun ist es an der Zeit, Hans Zimmer für sein Lebenswerk zu ehren. Der Lifetime Achievement Award ist klein im Vergleich zu dem, was uns durch seine Musik gegeben wird. Aber es ist wichtig, dass Hans Zimmer im Rahmen der Jubiläumsausgabe des Zurich Film Festival diesen Preis erhält. 

 

Bäckstage hatte am Zurich Film Festival die einmalige Gelegenheit, Hans Zimmer auf den Zahn zu fühlen. Am Roundtable im Festivalzelt erzählte der Komponist, dass er bei «The Lion King» nur seiner damals 6jährigen Tochter zuliebe mitgemacht hätte, damit sie bei der Premiere dabei sein konnte. Dieser Film sei für ihn persönlich doch aufwühlender gewesen als er gedacht habe, da es ja bei der ganzen Geschichte um ein Kind geht, das seinen Vater verliert. So musste Zimmer sich bei der Komposition damit auseinandersetzen, dass er seinen eigenen Vater im Alter von sechs Jahren verloren hatte. Schlussendlich ist es Hans Zimmer gelungen, einen Disneyfilm zu vertonen, genau den Zeitgeist zu treffen, die Schlüsselszenen einprägsam zu machen und als Sahnehäubchen für diese Leistung einen Academy Award zu erhalten. 

 

Die Stimmung des Scores färbt ab. 

 

Im Gespräch wechselte Zimmer des Öfteren zwischen Deutsch und Englisch, hat der gebürtige Deutsche doch einen Grossteil seines Lebens in London und Los Angeles verbracht. Des Weiteren sagte Zimmer, dass er keine klassische Ausbildung in Sachen Musik gehabt hätte, etwa zwei Wochen Klavierunterricht und diese seien schrecklich gewesen. Woher Hans Zimmer seine Inspiration habe, war ein Thema am Tisch. «Ich habe als Kind wahnsinnig viel gelesen und habe mir auch vorgestellt, wie einige Szenen wohl mit Musik im Hintergrund wären.» Inwieweit ihn die Arbeit mit einem Film in seinem Privatleben beeinflusse respektive auf ihn abfärbe, erklärte Zimmer mit, «Ich lebe diese Stimmung auch zuhause. Am Ende des ersten Screenings zu «Gladiator» schlug mich meine Frau auf die Schulter und sagte: «Darum warst du in den letzten Monaten so ein Ekel.» Ich muss mich zuhause wohl wie ein mittelalterlicher Gladiator benommen haben,» (lacht). Hans Zimmer war während des gesamten Gesprächs sehr aufgestellt und auskunftsfreudig. Die gestellten Fragen wurden nie knapp sondern sehr ausführlich und in bildhafter Sprache beantwortet. 

 

 Die Totenkopf-Slipper des Starkomponisten. 

 

Auf dem grünen Teppich am Abend trug Hans Zimmer schwarze Slipper mit Totenköpfen, die wohl eine kleine Referenz an seine Arbeit an «Pirates of the Caribbean» sein sollen. Später wurden in der Tonhalle im Rahmen des 3. Internationalen Filmmusikwettbewerbs im zweiten Teil des Abends unter der Leitung des Dirigenten Frank Strobel einige Suiten von Hans Zimmer vorgetragen. Unter anderem «Gladiator», «Driving Miss Daisy», «The Lion King», «Madagascar», «Inception», bei dem Zimmer selbst am Klavier sass und die Suite Time unterstützte, und «Sherlock Holmes». Die Kompositionen wurden durch die jeweiligen Filmzusammenschnitte ergänzt, was zu einer unglaublichen Stimmung im Publikum beitrug. Als Hans Zimmer von Karl Spoerri mit dem Lifetime Achievement Award geehrt wurde, bekam er Standing Ovations und wurde mit tosendem Applaus empfangen. 

 

Für «The Rock» brauchte es Wein.

 

Am nächsten Tag fand im Filmpodium die Master Class mit Hans Zimmer statt. Dort erzählte er im intimen Rahmen, dass er sich bei «Inception» vorgestellt hatte, die Zuschauer mit seiner Musik auf eine Flussfahrt mitzunehmen. «Ich machte das Ganze einfach wie einen Fluss und das Publikum sitzt dabei im Boot. Manchmal wird es ein bisschen hektisch und sie werden auch nicht alles verstehen, aber das macht nichts. Der Fluss fliesst einfach weiter.» Des Weiteren sagte er, dass am Anfang seiner Karriere Kompositionen vom Regisseur des Films durch andere ersetzt wurden, da sie unpassend und durchschnittlich gewesen seien. In den letzten Jahren sei ihm das aber nicht mehr passiert. Mittlerweile würde es ihm gelingen, die Musik zu einem neuen Film innerhalb von wenigen Wochen zu komponieren, er hätte nun wohl langsam den Bogen raus, scherzte Zimmer. «Grundsätzlich arbeite ich immer von 9 bis 5 Uhr. Also von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens. Und wehe jemand ruft mich morgens um 10 Uhr an», lachte er. Er gab zu, dass er die Musik zu «The Rock» nur mit einer Flasche Barrolo geschafft hätte, da er vorher eigentlich keine Ahnung hatte, was er mit dem Film anfangen sollte und dies bis jetzt das einzige Mal sei, dass er betrunken etwas komponiert hatte. Zimmer spricht extrem selbstironisch und ehrlich über seine Arbeit, das ist richtig erfrischend. Zum Schluss sagte er noch, wir sollten unser Leben mehr geniessen, «Macht das, was ihr liebt.» 

 

 Hans Zimmer im Gespräch mit Moderator Steven Gätjen an der Master Class im Filmpodium. 

 

«Das Auge hört mit», sagte er. Da kann man nur zustimmen. Hans Zimmers Kompositionen. Einfühlsam. Zu Tränen rührend. Bedrohlich. Temporeich. Episch. Grandios. Generationsübergreifend. Die Adjektive können nicht im entferntesten die Emotionen beschreiben, wenn ein Film von Hans Zimmers Musik untermalt wird. Und dies ist nicht übertriebene Lobhudelei oder kitschige Heldenverehrung. Hört hin. Spürt es. Das ist es. 

 

Jasmin Ballmert / Fr, 10. Okt 2014